Der Anteil der Raucher bei Kindern und Jugendlichen soll bis zum Jahr 2015 auf unter 12 % gesenkt und der Anteil der Raucher ab 15 Jahre auf unter 22 % gebracht werden. Zudem ist angezielt, den Anteil der Menschen mit Fettleibigkeit („Adipositas“) in Deutschland bis zum Jahr 2020 zum Rückgang zu bringen. Und schließlich soll die vorzeitige Sterblichkeit bis zum Jahr 2015 bei Männern bei höchstens 190 und bei Frauen bei höchstens 115 Todesfällen je 100 000 Einwohner liegen.
Und trotzdem kann bei einigermaßen realistischer Betrachtung nicht davon ausgegangen werden, dass alle diese „Minimalziele“ auch tatsächlich erreicht werden können.
Besonders ernüchternd ist die Gesundheitsentwicklung auf dem Gebiet der Adipositas: Im Jahr 1999 lag der Anteil der Bevölkerung Deutschlands ab 18 Jahren, die als „adipös“ eingestuft werden, noch bei 11,5 %. Die Fettleibigkeit verbreitete sich seit 1999 stetig weiter und lag im Jahr 2009 bereits bei 14,7 %. In diesem Jahr galten 51,4 % der Bevölkerung ab 18 Jahren als übergewichtig. Sieht man - obwohl es nicht leicht fällt - einmal für einen Moment vom ethischen Gehalt dieser Tatsache mit Blick auf das Faktum ab, dass global gesehen die Zahl der hungernden Menschen in den letzen Jahren weiter zugenommen hat und heute etwa jeder siebte Mensch auf der Welt hungert, dann liegt auch hier erheblicher nationaler Handlungsbedarf.
Allein diese Fakten verdeutlichen bereits plastisch: Auf dem Weg zu einer von Nachhaltigkeit geprägten Kultur der Gesundheit gibt es noch jede Menge zu tun. Dabei kann an Fortschritte angeknüpft werden. Obwohl Gebote und Verbote nicht immer die besten Ratgeber zur Förderung einer nachhaltigen Entwicklung sind, haben sich etwa die gesetzlichen Regelungen zum Nichtraucherschutz im Kern bewährt und sollten zeitnah unter anderem durch die Umsetzung der WHO Vorgaben zum vollständigen Verbot der Tabakwerbung und die konsequente bundesweite Vereinheitlichung der Regelung zum Nichtraucherschutz ergänzt werden.
Revision der Nachhaltigkeitsindikatoren erforderlich
Nach mehrjähriger Erfahrung mit der im Jahr 2002 formulierten „Nachhaltigkeitsstrategie Perspektiven für Deutschland“ drängt sich zudem eine grundsätzliche Frage auf: Bekanntlich können Strategien ja immer nur so gut sein, wie es die ihnen zugrunde liegenden Bedingungen und Voraussetzungen zulassen. Und deshalb müssen auch die Indikatoren der Nachhaltigkeitsstrategie einer kritischen Prüfung unterzogen werden. Dies gilt umso mehr, als dass mit ihrer Hilfe diesseits von Lobbyinteressen die Weichen für Finanzströme gestellt und Kriterien für deren Verteilung festgelegt werden können.
Insofern stellt sich die Frage, ob nachhaltige Entwicklung auf dem Gebiet der Gesundheit durch die zur Zeit verwendeten Indikatoren - also vorzeitige Sterblichkeit, Raucherquote von Jugendlichen und Erwachsenen sowie Anteil der Menschen mit Adipositas - überhaupt angemessen abgebildet wird, um darauf aufbauend den Stand der nachhaltigen Entwicklung angemessen bewerten und die richtigen Schlüsse ziehen zu können. Diese Frage lässt sich eindeutig mit „Nein“ beantworten.
Nicht abgebildet werden nämlich z.B. Alkoholkonsum, Medikamenten- und Drogenmissbrauch, neuere Formen des Drogenkonsums wie Computer- Spiel- und Onlinesucht oder andere Indikatoren wie sie etwa in der Gesundheitsberichterstattung der Länder längs gang und gäbe sind. Dadurch werden wesentliche Bereiche überhaupt erst gar nicht zum Gegenstand einer differenzierten Nachhaltigkeitsstrategie.
Auch der Indikator „vorzeitige Sterblichkeit“, der seit dem Jahr 2002 zur Messung und Beurteilung des Gesundheitszustand und der Gesundheitsversorgung zu Grunde gelegt wird, ist wenig aussagekräftig. Es wird unterstellt, dass in diesen Indikator „z.B. durch Krebserkrankungen und Verkehrsunfälle verursachte Todesfälle“ eingehen und sinkende Werte dieses Indikators „Fortschritte in der Medizin, Verbesserungen in der Behandlung sowie das Verhalten der Bevölkerung (z.B. Tabakkonsum) und vorbeugende Maßnahmen“ widerspiegeln. In „einem weiteren Sinne“ gingen auch Aspekte der Nachhaltigkeit, „z.B. bessere Luft durch die Minderung von Schadstoffemmisionen oder bessere Ernährung durch qualitätsorientierte Produktion“ in diesen Indikator ein. Daran anknüpfend wurde festgestellt, dass in den letzten Jahren die vorzeitige Sterblichkeit kontinuierlich zurückgegangen sei und die schlichte Prognose abgegeben „Dieser Trend sollte sich in Zukunft fortsetzen.“
Wie dem auch sei: Die aktuellen Indikatoren der deutschen Nachhaltigkeitsstrategie auf dem Gebiet der Gesundheit bedürfen dringend einer Revision. Zu ihrer konstruktiven Weiterentwicklung sind eine offene Diskussion und eine entsprechende Neujustierung erforderlich. Dabei ist besonders eine stärkere Differenzierung und der Einbezug qualitativer Aspekte notwendig. Angemessene Indikatoren sollten zudem zwingend Aussagen darüber enthalten welchen Zugang Bürgerinnen und Bürger zur medizinischen Versorgung haben, wie sie am medizinischen Fortschritt teilhaben und wie sich der Bereich der Prävention und Früherkennung konkret entwickelt. Zudem ist die Einführung eines neuen Leitindikators notwendig. Hierzu erscheint der auf europäischer Ebene bereits verwendete Indikator „Gesunde Lebensjahre bei der Geburt“ (GLJ) in besonderer Weise geeignet. Der „GLJ“ gibt nämlich die Zahl derjenigen Jahre an, die eine Person zum Zeitpunkt ihrer Geburt erwartungsgemäß in guter gesundheitlicher Verfassung leben wird. Gute gesundheitliche Verfassung wird dabei über die Abwesenheit von Funktionsbeschränkungen und Beschwerden definiert. Der „GLJ“ ist also ein Indikator der Gesundheitserwartung. Durch das ihm zugrunde liegende Erkenntnisinteresse öffnet er die Perspektive für andere Sichtweisen und Bewertungen im Sinne einer Kultur der Gesundheit. Zudem gestattet er die Harmonisierung der Nachhaltigkeitsindikatoren auf europäischer Ebene. Die heute bereits vorliegenden Zahlen deuten übrigens darauf hin, dass sich Deutschland gemessen am Indikator „gesunde Lebensjahre“ zur Zeit keineswegs in der Spitzengruppe der Staaten der europäischen Union bewegt.
Autorennotiz:
Dr. Frank Freimuth und Monika Freimuth sind Spezialisten für nachhaltiges Wirtschaften und leben in Berlin.
Anmerkung: Dieser Text ist eine gekürzte Version eines Artikels, der mit den entsprechenden Quellenangaben im „Glocalist Review“ 311/2011, S. 9-11 erschienen ist.




