Der Rat für Nachhaltige Entwicklung, wie einst ein ZDF-Journalist spitz gefragt hat, ob der Rat eine PR-Agentur der Bundesregierung für Nachhaltigkeit sei, was von Bachmann verneint wurde, hat der Tage der Bundesregierung eine Empfehlung für einen Deutschen Nachhaltigkeitskodex übermittelt.
Ob es gleich ein Standard sei, bleibt dahin gestellt, aber dies ist auch nicht Aufgabe eines Kodex. Vorliegender Kodex stellt eher den Versuch eines sozialpartnerschaftliches Best-of der verschiedenen Richtlinien und Standards der Nachhaltigkeit für Unternehmen dar, die in einem marktradikalen Interpretationsrahmen gesetzt worden sind.
Freiwilligkeit und Glaubwürdigkeit
In der Aussendung spricht auch der Rat dann seine Botschaft aus: „Der Rat empfiehlt allen Unternehmen, den Deutschen Nachhaltigkeitskodex freiwillig anzuwenden.“
Liest man sich die Passagen des Kodex, genauer der empfohlenen Richtlinien, durch, wo nichts grundsätzlich Falsches enthalten ist, dann würde man sich wünschen, die Bundesregierung selbst möchte sich an diese Empfehlungen halten. So wirkt alles recht unglaubwürdig, denn – und das ist auch eine Wahrheit der Nachhaltigkeit – sie, die Nachhaltigkeit, kann noch so oft sich bekennend gefordert werden, es geht stets um die Glaubwürdigkeit. Und wenn der Rufer nicht glaubwürdig ist, nützt alles nix. Ein zweites, was an diesem Kodex auffällt, ist sein Interpretationsrahmen, der von Marktradikalismus geprägt ist, doch dazu später mehr.
Stattdessen zum Thema Freiwilligkeit abschließend: Freiwillige Selbstverpflichtung mit Pönale untermauern, statt blümchenhafter Freiwilligkeit wie der Rat es wünscht.
Und was DAX-Unternehmen realisieren, wenn sie freiwillig tun sollen, zeigt sehrt gut die Frage Frauengleichberechtigung oder Klimaschutz. Alles soll freiwillig, also unverbindlich bleiben, damit es sich weiterhin gut für die PR eigne, aber die Strukturen erhalten bleiben.
Damit leistet man der Nachhaltigkeit einen schlechten Dienst. Es ist nichts gegen die Freiwilligkeit einzuwenden, ich betrachte sie sogar als den besseren und richtigeren Weg, aber ohne Einhaltung, ohne Glaubwürdigkeit geht es eben nicht.
Unternehmen, die Freiwilligkeit aussprechen, sollen diese mit einer selber auferlegten schmerzhaften Pönale unterlegen, die schlagend wird, wenn das jeweilige Ziel der freiwilligen Selbstverpflichtung nicht erreicht wird. Ich denke, da wird dann vieles freiwillig möglich sein. Und auch glaubwürdiger werden. Und, ist doch schließlich sehr marktkonform?
Freilich, das meint man nicht im Rat mit dem Interpretationsrahmen „der Markt wird es schon richten“, wie weiter unten noch auszuführen sein wird. Es ist eher eine Ansage, nichts ändern lassen zu wollen; weil ja der Markt.
Marktradikalismus
„Der Deutsche Nachhaltigkeitskodex liefert damit eine zuverlässige und nachvollziehbare Definition der Nachhaltigkeitsleistungen von Unternehmen. Seine Wirksamkeit und Verbindlichkeit erhält der Kodex über den Markt.“, so der Rat.
Wie diese radikale Marktgläubigkeit und Gewissheit, die berühmt berüchtigte unsichtbare Hand werde es schon richten (und nicht vielmehr nehmen), des Rates zum aktuellen Bild passt, welches der Markt bietet im Bereich Finanzwirtschaft, bleibt da ein Rätsel, milde gesprochen, erscheint blauäugig, realistisch gesprochen und ist eine pure ideologische Ansage für den Neo-Liberalismus, polemisch gesprochen.
Es stellt sich die Frage, ob der Rat eigentlich noch auf der Höhe der Zeit ist, was die Diskussion über „den Markt“ und seiner Wirksamkeit als allein wohltuender Ordnungsfaktor betrifft. Vielleicht sollte man mal bei Rifkin oder bei einem der führenden Ökonomen für Nachhaltigkeit in Deutschland, Holger Rogall, nachlesen
„Investoren und Finanzmarktakteure können damit im Wettbewerb Informationen zu den wesentlichen Nachhaltigkeitsleistungen der Unternehmen in ihre Analyse von Chancen und Risiken einbeziehen.“, so tönt es sehr seltsam vom Rat und man hat den Eindruck, er wisse nicht, was sich gerade da draußen am Markt abspielt.
Die Finanzwirtschaft spekuliert gerade den Staat zu Tode und ruiniert die Realwirtschaft. Und was beispielsweise Ratingagenturen gerade „leisten“ in ihren Analysen von Chancen und Risken, stellt selber ein Risiko dar – aber für reale Leben! Und, abschließend gefragt, wo bleibt der Markt, wenn Banken durch den Staat, eigentlich Bürger, gerettet werden. Da doch besser knallharte Eingriffe und keine blümchenhafte Freiwilligkeit.
Hans Peter Repnik, der Vorsitzende des Nachhaltigkeitsrates, sagt zur Übergabe an die Bundesregierung, dass der Deutsche Nachhaltigkeitskodex eine grundlegende Neu-Orientierung in der Wirtschaft auf eine insgesamt nachhaltige Entwicklung anstrebe. „Wir müssen den Wandlungsprozess gestalten, damit die Nutzung von Ressourcen, Investitionen, technologischer Entwicklung und institutioneller Wandel miteinander harmonieren. Dabei kommt es auf den Gestaltungswillen aller Akteure an - auch derer, die uns noch nicht unterstützen.“
Das ist schon ein sehr eingeschränkter, weil vorrangig an Ressourcen und Technik orientierter Nachhaltigkeitsbegriff.
Der Nachhaltigkeitskodex umfasst 20 Kriterien und mit jeweils ein bis zwei Leistungsindikatoren zu den Themen Umwelt, Soziales und Unternehmensführung Der Deutsche Nachhaltigkeitskodex knüpft inhaltlich an die Prinzipien des UN Global Compact, die OECD Guidelines für multinationale Unternehmen, den Leitfaden ISO 26.000 sowie instrumentell an die Berichterstattungsstandards der Global Reporting Initiative (GRI) und des europäischen Analystenverbandes EFFAS an. Und das sind gute Richtlinien, auf welche man aufbauen kann, doch der angebotene Interpretationsrahmen des Rates liegt hier Lichtjahre zurück.
In Summe, die Best-of Leitideen von einigen Richtlinien wurden pragmatisch zugesammengefasst, ihr Interpretationsrahmen ist nicht auf der Höhe der Diskussion, denn Nachhaltigkeit ist nicht dem Primat der Ökonomie zu unterwerfen, wie es der Rat empfiehlt und will, und schon gar nicht im Dienste von Finanzmarktakteuren, denn dann ist es keine Nachhaltigkeit mehr und übersieht die wesentliche Dimension der Nachhaltigkeit: Die der Ganzheit.




