Nobelpreis für Hegemann, Nagel und Deisseroth: Licht als Schalter für Nervenzellen
Der Medizin-Nobelpreis 2026 würdigt die Optogenetik. Ihr Werkzeug stammt aus einer Grünalge und wird für Hörhilfen und eine Gentherapie erprobt.
Der Medizin-Nobelpreis 2026 geht an Peter Hegemann, Georg Nagel und den US-Forscher Karl Deisseroth. Ausgezeichnet werden ihre Entdeckungen in der Optogenetik, wie der Nordkurier berichtet. Bekannt gegeben wurde die Entscheidung an einem Montag, dem 5. Oktober. Im Mittelpunkt steht ein Lichtsensor aus einer einzelligen Grünalge, der zugleich als Kanal in der Zellmembran dient: Setzt man ihn in Nervenzellen ein, lassen sich diese per Lichtimpuls gezielt anregen oder bremsen.
Kurz gesagt
- Ausgezeichnet werden ihre Entdeckungen in der Optogenetik, wie der Nordkurier berichtet.
- So entsteht in Nervenzellen ein Kanal, der auf Licht reagiert.
- Für dieses Forschungsfeld wird ein neues Gebäude errichtet, dessen Fertigstellung für Mai 2029 vorgesehen ist.
Wer die Preisträger sind und woher sie kommen
Die Max-Planck-Gesellschaft ordnet die beiden Deutschen als frühere Mitglieder ihrer Institute ein. Hegemann arbeitete am Max-Planck-Institut für Biochemie, Nagel am Max-Planck-Institut für Biophysik. Zusammen mit Deisseroth, der an der Stanford University forscht, gelten sie nach Darstellung der Gesellschaft als Begründer eines neuen Forschungsfelds.
- Peter Hegemann: Zwischen 1986 und 1993 stand er in Martinsried einer Arbeitsgruppe seines Instituts für Biochemie vor. Der erste Ruf auf eine Professur führte ihn nach Regensburg, 2005 folgte der Wechsel nach Berlin an die Humboldt-Universität.
- Georg Nagel: Von 1992 bis 2004 leitete er in Frankfurt eine Arbeitsgruppe des Biophysik-Instituts, seit 2004 ist er Professor in Würzburg.
- Karl Deisseroth: Der dritte Preisträger kommt aus den USA und ist an der Stanford University tätig.
Hegemann selbst beschrieb seine Laufbahn bei einer Pressekonferenz an der Humboldt-Universität als wenig geradlinig. Nach den Angaben des Nordkurier begann er als Chemiker, wechselte zur Biochemie, widmete sich zehn Jahre der Pflanzenphysiologie und hatte dann Professuren für Biochemie und Biophysik inne. Heute gilt er als Neurowissenschaftler, ohne nach eigener Aussage je ein neurowissenschaftliches Experiment durchgeführt zu haben.
Es braucht Mut, sich in neue Territorien zu bewegen.
Peter Hegemann, Medizin-Nobelpreisträger, laut Nordkurier
Jungen Forschenden rät er, das zu tun, was sie interessiert. Seine Begründung: Einen Preis könne man nicht als Forschungsziel verfolgen, stattdessen müsse man tun, was einem Freude bereitet. Wichtig sei ihm außerdem der internationale Austausch, in seinem Team seien mindestens zehn Nationalitäten vertreten.
Wie ein Algenprotein zum Schalter für Nervenzellen wurde
Am Anfang steht die Grünalge Chlamydomonas reinhardtii. Mit einem Lichtsensor, dem Rhodopsin, richtet sie sich nach dem Licht aus und kann so Fotosynthese betreiben. Dieses Rhodopsin ist gleichzeitig ein Ionenkanal, weshalb man von Channelrhodopsin spricht. Fällt Licht darauf, öffnet sich der Kanal für positiv geladene Ionen.
Der Namensbestandteil „Genetik“ in Optogenetik verweist darauf, dass der Bauplan des Proteins in Zellen von Tieren eingebracht werden kann. So entsteht in Nervenzellen ein Kanal, der auf Licht reagiert. Strömen positiv geladene Kalzium-Ionen ein, entsteht ein elektrisches Signal. Es gibt außerdem Kanalproteine, die auf Licht hin negativ geladene Ionen passieren lassen, wodurch sich die Aktivität einer Nervenzelle dämpfen lässt. Damit kann man Zellen sowohl aktivieren als auch hemmen.

Die Max-Planck-Gesellschaft beschreibt die Optogenetik als Methode, Netzwerke von Nervenzellen im Gehirn nicht-invasiv mit Licht zu untersuchen. Zu bedenken ist dabei, dass die Zellen zuvor genetisch ausgestattet werden müssen, damit sie überhaupt auf Licht ansprechen. Wie sich so bestimmte Zellgruppen mit Bewegungen und Erinnerungen in Verbindung bringen lassen, erklärt der Beitrag Ein Lichtimpuls zeigt, welche Nervenzellen Bewegungen und Erinnerungen beeinflussen.
Hörhilfen und Gentherapie: Entwicklungen, keine Standardbehandlungen
Laut Max-Planck-Gesellschaft zeigt der Fall, wie aus Grundlagenforschung neue Untersuchungsmethoden und schließlich Behandlungsansätze für Menschen hervorgehen können. Sie nennt zwei Beispiele und stellt sie ausdrücklich als Arbeiten in der Entwicklung vor.
| Bereich | Beteiligte | Ansatz |
|---|---|---|
| Hören | Universität Göttingen, Max-Planck-Institut für Multidisziplinäre Naturwissenschaften | Optogenetische Cochlea-Implantate als neue Generation von Hörhilfen |
| Sehen | Max-Planck-Institut für Biophysik, Nanoscope Therapeutics | Channelrhodopsin-Mutante mit verbesserter Lichtempfindlichkeit für eine Gentherapie bei genetisch bedingten Sehbehinderungen |
Bei erblicher Blindheit und Sehbehinderung, etwa durch Retinitis pigmentosa, die Stargardt-Krankheit oder altersbedingte Makuladegeneration, sehen die Forschenden in den Channelrhodopsinen einen möglichen neuen Therapieansatz. Aus dem Frankfurter Biophysik-Institut stammt eine Mutante, die empfindlicher auf Licht reagiert. Das US-Unternehmen Nanoscope Therapeutics verwendet diese Technik in einer Gentherapie, mit der das Sehvermögen bei Betroffenen wiederhergestellt werden soll. Ob und wann solche Verfahren breit verfügbar sind, geht aus den Quellen nicht hervor.
Verleihung in Stockholm und ein neues Gebäude in Berlin
Überreicht werden die Nobelpreise üblicherweise am 10. Dezember, dem Todestag des Stifters Alfred Nobel, in Stockholm. Für den Medizinpreis stehen zwölf Millionen schwedische Kronen bereit, laut Nordkurier rund eine Million Euro, die sich die Preisträger teilen. Konkrete Pläne für sein Preisgeld hat Hegemann nach eigenen Worten noch nicht gemacht.
An der Humboldt-Universität würdigte Präsidentin Julia von Blumenthal Hegemanns Arbeit als herausragende Grundlagenforschung. Hegemann hob seinerseits die Rückendeckung der Hochschulleitung für die Optogenetik hervor. Für dieses Forschungsfeld wird ein neues Gebäude errichtet, dessen Fertigstellung für Mai 2029 vorgesehen ist.
Titelbild. Quelle: Pexels. Urheber: Chokniti Khongchum. Lizenz: Pexels License.



