Ein Andenkondor fliegt mit einem Fünftel der Energie eines Schwans

Eine Studie mit 850 Tieren stellt die Lehrbuch-Rangfolge der Fortbewegung infrage: Wer Luftströmungen nutzt, reist im Flug mit erstaunlich wenig Energie.

Leon Schneider Von Leon Schneider
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Ein Andenkondor fliegt mit einem Fünftel der Energie eines Schwans
Symbolfoto. Ein Schwan breitet auf dem Wasser die Flügel aus. Das Foto illustriert das Thema Fortbewegung von Vögeln und zeigt keine Studie.

Kurz gesagt

  • Ein Andenkondor braucht pro Flugkilometer etwa ein Fünftel der Energie eines gleich schweren Trompeterschwans.
  • Die Daten stammen von 850 Vögeln und Fledermäusen aus 38 Arten und umfassen 17 Jahre GPS- und Beschleunigungsmessungen.
  • Flügelschlagflieger profitieren vor allem von Rückenwind, große Segler von Aufwinden.
  • Künftig wollen die Autoren den Energieverbrauch direkt messen, etwa über die Herzfrequenz.

Ja, Fliegen kann günstiger sein als Schwimmen, und zwar deutlich: Der Energieaufwand eines Andenkondors liegt laut einer neuen Studie 79 Prozent unter dem eines Trompeterschwans. Der Gleitflug unterbietet damit sogar das Schwimmen, das in Lehrbüchern als sparsamste Fortbewegungsart gilt. Die Arbeit gilt als bislang größte zum Energiebedarf von Tieren in freier Wildbahn, wie die Max-Planck-Gesellschaft berichtet.

Wenn die Laborrangfolge im Freien nicht mehr stimmt

Lehrbücher sortieren die Fortbewegung nach Aufwand: Schwimmen kostet am wenigsten, Fliegen liegt an zweiter Stelle, Laufen ist am teuersten. Diese Reihenfolge beruht auf Messungen in Schwimmbecken, Windkanälen und auf Laufbändern. Außerhalb des Labors verschiebt sie sich, sobald die Dynamik der Atmosphäre ins Spiel kommt.

Emily Shepard, leitende Autorin der Studie und an der Swansea University tätig, benennt den Konflikt mit der Theorie: „Die Laborregeln besagen, dass Kondore und Schwäne denselben Energieaufwand haben müssen, da sie die gleiche Körpermasse aufweisen.“ Dass dies nicht stimmen kann, sehe jeder, der Kondore beim Segeln und Schwäne beim kräftigen Flügelschlagen beobachte.

Kondor und Schwan im Vergleich

Beide Vögel wiegen etwa elf Kilogramm und gehören zu den schwersten flugfähigen der Welt. Ihr Flugstil unterscheidet sich dennoch grundlegend.

Ein weißer Schwan mit orangefarbenem Schnabel schlägt auf dem Wasser mit den Flügeln, rundherum spritzt Wasser.
Ein Schwan schlägt auf dem Wasser mit den Flügeln und wirbelt Spritzer auf. Foto: Susanne Jutzeler, suju-foto / Pexels
79 %weniger Energieaufwand beim Kondor als beim Schwan
0,1 % gegen 99 %Anteil der Flugzeit mit Flügelschlag, Kondor gegen Schwan
Merkmal Andenkondor Trompeterschwan
Gewicht etwa 11 Kilogramm etwa 11 Kilogramm
Energie pro Flugkilometer etwa ein Fünftel Referenzwert
Flugstil nutzt Aufwinde schlägt fast durchgehend mit den Flügeln

Shepard fasst den Kern so zusammen: „Wenn fliegende Tiere Zugang zu natürlichen Luftströmungen haben, erhalten sie kostenlosen Treibstoff aus dem Himmel.“

So wurden die Transportkosten gemessen

Beschleunigungsmesser trennten energieintensives Flügelschlagen vom sparsamen Gleiten. Mit GPS-Daten ordnete das Team jeden Flugabschnitt den Wind- und Aufwindverhältnissen zu, denen die Tiere begegneten. Daraus ließ sich schätzen, wie viel Energie ein Tier pro zurückgelegtem Meter verbraucht, seine Transportkosten.

Martina Scacco, die Erstautorin, erläutert, worauf sich die Ergebnisse zurückführen lassen: „Wir haben die Unterschiede auf den Kraftstoffverbrauch reduziert, das Naturäquivalent zu Liter pro Kilometer“. Damit werden Arten und Arten des Fliegens miteinander vergleichbar.

Wer vom Wind profitiert

Die untersuchten Tiere teilen sich in zwei Gruppen, die unterschiedlich auf die Luft angewiesen sind:

  • Segelflieger: Mit wachsendem Gewicht sinken der Anteil des Flügelschlags und die Transportkosten. Bei sieben Geierarten summierten sich 128.000 Tage auf über 4,3 Millionen zurückgelegte Kilometer, wobei die Tiere lediglich zwischen 0,1 und 7 Prozent ihrer Flugzeit aktiv mit den Flügeln schlugen. Große Segler hängen jedoch stärker von guten Bedingungen ab und können Zeitpunkt und Ort ihrer Flüge weniger frei wählen.
  • Flügelschlagflieger: Hier spielt der Wind die größte Rolle: Mit Rückenwind kommen sie leichter voran, Gegenwind hält sie auf. Kamran Safi, leitender Autor am Max-Planck-Institut für Verhaltensbiologie, sagt: „Wenn sich die atmosphärischen Bedingungen ändern, ändern sich auch der Energiebedarf.“

Eine allgemeine Aussage, Fliegen sei stets günstiger als Schwimmen, ist damit nicht gedeckt; die Studie sagt, es könne günstiger sein. Als Nächstes wollen die Autoren den Energieverbrauch direkt messen, etwa über die Herzfrequenz. Das würde auch Unterschiede in der Physiologie einzelner Tiere sichtbar machen.

Foto: Saleh Bakhshiyev / Pexels