Im Lüntener Wald wird ein früherer Forst wieder zum Moor
Baumstämme stauen im Westmünsterland einen alten Graben, ein Messturm erfasst die Gase, und erste seltene Arten kehren in den Lüntener Wald zurück.
Im Lüntener Wald im Westmünsterland, direkt an der Grenze zu den Niederlanden, steigt der Wasserstand wieder. Ein wissenschaftlich begleitetes Projekt soll dort in den kommenden Jahren klären, wie viel Moore tatsächlich zu Artenvielfalt und Klimaschutz beitragen. Getragen wird es vom LWL-Museum für Naturkunde, vom Landschaftsverband Westfalen-Lippe, dem der Wald gehört, und von der Universität Münster.
Kurz gesagt
- Seit Herbst 2025 halten Baumstämme im Entwässerungsgraben des Lüntener Waldes das Wasser zurück.
- Ein 30 Meter hoher Turm der Universität Münster misst Kohlendioxid und weitere Gase in Echtzeit.
- In diesem Jahr wurden 13 Brutpaare der Weidenmeise gezählt.
- Der Boden blieb trotz eines trockenen Sommers feucht.
Vom Holzacker zurück zur Moorlandschaft
Die Fläche hat eine lange Geschichte der Umnutzung. Vor mehr als 100 Jahren legten die damaligen kommunalen Eigentümer einen tiefen Graben an, entwässerten so die Moorwald- und Heidelandschaft und pflanzten Kiefern und Roteichen. Der Hintergrund war wirtschaftlich: Holz war im Münsterland knapp, der Forst sollte der Region neue Perspektiven eröffnen. Diese Erwartungen haben sich längst nicht erfüllt.
Der Lüntener Wald ist damit kein Einzelfall. Deutschlandweit wurden Moorböden vor allem für Land- und Forstwirtschaft sowie für den Torfabbau trockengelegt. Bund und Länder fördern die Wiedervernässung seit Jahren, Mittel für Renaturierungen sind vorhanden. In Nordrhein-Westfalen hat das Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz die geeigneten Flächen erfasst; es handelt sich überwiegend um Übergangs- und Niedermoore, also genau jenen Typ, der auch im Lüntener Wald zurückkehren soll. Projektleiter Jan Ole Kriegs, Leiter des LWL-Museums für Naturkunde Münster, formuliert den Anspruch knapp: „Das Projekt soll auch Vorbildcharakter haben“.
Wie das Wasser zurückgehalten und gemessen wird
Der Eingriff selbst ist schlicht. Im Herbst 2025 legten die Beteiligten Baumstämme in den alten Entwässerungsgraben. Das gestaute Wasser soll bis auf die Höhe des Waldbodens ansteigen. Wo das Gelände am tiefsten liegt, sollen flache Moorweiher entstehen.
Aufwendiger ist die Begleitforschung. Die Forschenden wollen den Klimaeffekt bestimmen, indem sie den Zustand vor und nach der Wiedervernässung vergleichen, ein Ansatz, den Kriegs als einmalig bezeichnet. Dafür steht im Gebiet ein 30 Meter hoher Gerüstturm. An seiner Spitze erfassen Wissenschaftler der Universität Münster Kohlendioxid und weitere klimarelevante Gase in Echtzeit.
Die Ausgangslage ist laut Kriegs ungünstig: Vor dem Aufstau habe die Fläche durch Verrottung mehr CO2 abgegeben als gebunden. Das passt zur gängigen wissenschaftlichen Annahme, dass Moore große Mengen des Treibhausgases speichern, während Pflanzenreste in einem humusreichen Waldboden zersetzt werden und CO2 freisetzen. Wie groß der Effekt im Lüntener Wald ausfällt, sollen erst die Messreihen zeigen. Kriegs setzt die Latte bewusst niedrig an: „Wenn wir diesen Prozess stoppen könnten, wäre das schon ein Erfolg.“
Erste Beobachtungen nach dem Aufstau
Die frühen Veränderungen betreffen Wasserhaushalt, Pflanzen und Tiere. Die folgende Übersicht ordnet sie ein.
| Bereich | Beobachtung | Einordnung |
|---|---|---|
| Boden | Blieb in einem Sommer feucht, der viele sonst nasse Bereiche austrocknete | Laut Kriegs könnten gut mit Wasser versorgte Bäume sich besser gegen Schädlinge wehren |
| Pflanzen | Gagelstrauch und Glockenheide gedeihen, Torfmoos breitet sich großflächig aus, Moorlilien haben geblüht | Torfmoos gilt als wichtigster Torfbildner |
| Vögel | 13 Brutpaare der Weidenmeise in diesem Jahr | Die Art ist im Münsterland fast ausgestorben |
| Insekten | Erste Argusbläulinge aus niederländischen Mooren | Bedrohter Falter; laut Kriegs könnten bald seltene Libellenarten folgen |
Kriegs fasst den Zustand so zusammen: „Das ist ein Wahnsinns-Lebensraum geworden“.
Die Debatte um Brände
Die Wiedervernässung berührt auch eine politische Forderung. Nach zahlreichen Waldbränden in Nordrhein-Westfalen, etwa im Hürtgenwald und im Sauerland, verlangten Umweltverbände wie der BUND, das Tempo bei der Wiedervernässung zu erhöhen. Für den Lüntener Wald selbst gibt es dazu bislang keine Messdaten, sondern lediglich den Eindruck der Beteiligten. Die Grenze der Übertragbarkeit ist klar: Der Ansatz greift nur auf ehemaligen Moorböden, die sich wieder vernässen lassen, nicht auf beliebige Waldflächen.
Wer die Entwicklung weiter verfolgt
Über das Projekt berichtete die Deutsche Presse-Agentur, deren Text unter anderem bei sueddeutsche.de und beim Mindener Tageblatt (mt.de) erschien. Wie sich wiederhergestellte Lebensräume in die größere Lage einfügen, beschreibt auch unser Beitrag zu den Folgen des Klimawandels für Biodiversität.
Die Forschung wird den Wandel im Lüntener Wald noch weitere Jahre begleiten. Kriegs sieht darin großen Spielraum für Natur und Wissenschaft: „Das Gebiet hat ein Riesenpotenzial“.
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